Badische Revolution

Die Badische Revolution von 1848/1849 in Freiburg

 

  1. Grundrechte und Volksvereine
  2. zwei Vereine in Freiburg
  3. Der Vaterländische Verein
  4. Verbissener Propagandakrieg
  5. Politik in der Sackgasse
  6. Prozess gegen Gustav Struve
  7. Agitation in der Armee
  8. Hoffnung dahin
  9. Volksversammlung in Offenburg
  10. Der Großherzog flieht
  11. Freiburg wird Durchgangsstation
  12. Rückzug nach Freiburg
  13. Abzug Richtung Bodensee
  14. Kriegsrecht in Baden
  15. Die Standgerichte
  16. Revolution geschlossen

 


 

 

Nach den Revolutionsereignissen des Jahres 1848 rückt nun vermehrt die Entwicklung im hektischen und blutigen Revolutionsjahr 1849 ins Blickfeld.

Welchen Lauf die Dinge in Deutschland und Baden nahmen und welche Rolle dabei Freiburg spielte lesen Sie hier.


Mit der Niederschlagung der Aufstände im April und September 1848 scheint die badische und Großherzogliche Regierung den Angriff auf ihre Herrschaft abgewehrt zu haben. Der revolutionäre Prozeß ist ins Stocken geraten. Die Hoffnung der Demokraten, auf parlamentarischen Wege zu erwirken, was im revolutionären Ansturm des März und April nicht gelang, ruht nun auf den Abgeordneten der deutschen Nationalversammlung in Frankfurt, die am 18. Mai 1848 zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammentreten: Die Errichtung eines demokratischen gesamtdeutschen Staatswesens, das politische Freiheit und Volkssouveränität garantiert. Im Herbst 1848 gewinnen überall in Europa die reaktionären Kräfte wieder die Oberhand. Seit der Niederschlagung der Arbeiteraufstände in Paris im Sommer 1848 hat die französische Republik ihre revolutionäre Vorbildfunktion verloren. Die nationalrevolutionären Aufstände in Ungarn, Italien und in Polen werden von Österreich und Rußland niedergeschlagen. Die standrechtliche Erschießung von Robert Blum, dem Abgeordneten der deutschen Nationalversammlung und nach Heckers Scheitern Hoffnungsträger der Linken, am 9. November 1848 in Wien, schockiert die Demokraten in allen deutschen Ländern. Die Leichen - und Gedächtnisfeiern werden zu politischen Demonstrationen. Am 10. Dezember 1848 findet auch in Freiburg unter großer Beteiligung eine Trauerfeier statt. Rechtsanwalt Karl Friedrich Heunisch ist der verantwortliche Organisator der Veranstaltung.


Grundrechte und Volksvereine


Am 27. Dezember 1848 verkündet die deutsche Nationalversammlung die Grundrechte, die Anfang Januar des folgenden Jahres in Kraft treten sollen. Paragraph 30 dieser künftigen Reichsverfassung besagt: " Die Deutschen haben das Recht, Vereine zu bilden. Dieses Recht soll durch keine vorbeugende Maßregel beschränkt werden." Mit dieser verfassungsmäßigen Rückendeckung beginnen die radikalen Demokraten, ihre Organisationsstruktur wieder zu beleben. Die "Volksvereine" werden gegründet. Die von Hecker und Struve am 19. März 1848 in Offenburg ins Leben gerufenen " Vaterländischen Vereine" sind nach wiederholten Verboten zum Teil aufgelöst, zum Teil sind sie jetzt in konservativer Hand. Die fortschrittlichen "Volksvereine" stehen zunächst unter der Leitung des Schriftstellers Florian Mördes, der ein großer Redner, aber kein Organisationstalent ist. Der Mannheimer Finanzbeamte Amand Goegg erkennt, daß die Vereine so nicht handlungsfähig sind und lädt zum zweiten Weihnachtsfeiertag 1848 einen Kreis von 150 Personen in seine Heimatstadt Renchen ein: " Es war eine Gefahr im Verzuge. Mördes mußte entfernt und eine durchgreifendere, lebensfähigere Organisation der bei weitem die Mehrheit des Badischen Volkes bildenden demokratischen Partei erzielt werden," bemerkt Goegg. An der Spitze der Volksvereine steht der Mannheimer Rechtsanwalt und Kammerabgeordnete Lorenz Brentano, der als Verteidiger Heckers an dessen Popularität teilnimmt. Bretano ist auch Abgeordneter der Nationalversammlung und auf Grund dieser Ämterhäufung jedoch nicht in der Lage, die Volksvereine tatsächlich zu führen.

Der wirkliche Leiter ist Amand Goegg, der zweite Vorsitzende. In kurzer Zeit gehören 400 Volksvereine mit 35 000 Mitgliedern, gegliedert in Bezirks - und Kreisvereinigungen dem Landesverband an. Selbst in den kleinsten Dörfern werden Volksvereine gegründet. Der größte Ortsverein ist der in Mannheim mit 2000 Mitgliedern.


Zwei Vereine in Freiburg


In Freiburg entstehen zu Beginn des Jahres 1849 zwei demokratische Vereine. Bürgermeister Joseph von Rotteck ruft mit anderen konstitutionellen Liberalen zur Gründungsversammlung des "Vaterländischen Vereins" auf. Die Versammlung findet am 18. Februar 1849 im städtischen Kaufhaussaal statt. Hauptredner Joseph von Rotteck glaubt, die Bewegung für die Durchsetzung der nationalen und freiheitlichen Forderungen habe bereits "einen vollständigen Sieg" errungen, es gäbe lediglich noch zwei Klippen zu umschiffen, "nämlich die Klippe der Sonderbündelei und jene der Anarchie". Seiner Ansicht nach könnten die Volksfreiheiten genauso gut in einer konstitutionellen Monarchie als auch in einer "wohlgeordneten Republik" gesichert werden. Aber er ist davon überzeugt, " daß die konstitutionelle Staatsform im geschichtlichen Entwicklungsgange es deutschen Volkes tief begründet ist, daß die große Mehrheit der Deutschen keine Republik will, daß daher die Einführung einer solchen rein unmöglich erscheint". Die gewaltsame Einführung der Republik wiederum führe zu Bürgerkrieg, Despotie und Abschaffung der Freiheit und würde Deutschland " am Ende zur Beute des Auslandes machen". Daher gelte es jetzt, sich zusammenzuschließen für die Freiheit und Einheit Deutschlands, gegen jeden Versuch des gewaltsamen Umsturzes, kurz: " Gesetz, Freiheit, Vaterland sein fortan unsere Losung."

 

Der Vaterländische Verein


Das Protokoll der Gründungsversammlung verzeichnet 330 Anwesende. Zum Vorsitzenden des "Vaterländischen Vereins" wird Joseph von Rotteck gewählt, Schriftführer wird Rechtsanwalt Maximillian Ruef. Zu den prominenten Bürgern des Vereins zählen weiterhin Erzbischof von Vicari, Hofrat Dr. Baumgärtner und die Kaufleute Christian Mez - Cousin des Seidenfabrikanten Carl Mez - und Karl Montfort. Das nationale Programm stellt die nationale Einheit Deutschlands und seinen wirtschaftlichen Nutzen für das Bürgertum in den Vordergrund: " Die Einheit soll und wird der fruchtbringenden Tätigkeit der Nation einen durch keine Binnenzölle beschränkten und einheimischen Markt, und die Wege des Absatzes über Land und Meer, in allen Zonen gewähren, sie wird dadurch dem Ackerbau, dem Gewerbefleiß und dem Handel einen nie erlebten Aufschwung verschaffen, der das Leben auf Erden für alle Klassen der Bevölkerung freundlicher und für edlere Sitte empfänglich macht."

Am 8. März gibt der " Vaterländische Verein" bekannt, daß er nunmehr 539 Mitglieder habe. Für die Dörfer St. Georgen, Wendlingen und Uffhausen wird ein weiterer Verein gegründet, dem 90 Mitglieder beitreten. Sie Gründung des " Vaterländischen Vereins" ist die Reaktion auf die Bildung eines republikanischen "Volksvereins" am 29. Januar 1849. An seiner Spitze steht der Bürgermeisters Vetter Karl von Rotteck junior, der wegen der Unterstützung des Aufstandes vom April 1848 inhaftiert war und erst seit Anfang Dezember 1848 wieder gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt wurde.


Die lange Zeit verbotene Freiburger Turnerschaft von 1844 und der Arbeiterverein werden am 24. bzw. 21. Januar wiederbelebt und es entstehen auch neue Vereine: ein Soldatenverein und ein Verein " Verein von Frauen und Jungfrauen zur Unterstützung der Patrioten."

 

Verbissener Propagandakrieg

Die Fronten zwischen den Anhängern einer parlamentarisch kontrollierten Monarchie und den Republikanern verhärten sich. Zwischen ihnen tobt ein verbissener Propagandakrieg. Die "Vaterländischen" beschwören des Heraufkommen des Anarchismus und der "roten Republik", die " Volksvereine" bezichtigten die Konstitutionellen des Verrats an der Sache des Volkes. Ein Leitartikel der "Neuen Freiburger Zeitung" am 7. Februar 1849 verdeutlicht, wie tief der Graben ist: " Die neuen Volksmänner, welche sich für die allein echten Ausleger des Willens der Nation, für die allein tüchtigen Lenker ihrer Geschichte hielten, schmeich-elten dem Volk und seinen Vorurteilen mehr als irgend je niederträchtige Hofschranzen zur Zeit der Fürstenmacht der Autokraten geschmeichelt hatten. Während sie den Leuten in der Republik den Himmel in Aussicht stellten, Freiheit, Wohlstand und Bildung für alle versprachen, ... machten sie den wahren Freistaat unmöglich, indem die unerläßlichen repub-likanischen Tugenden: Unterordnung des Eigenwillens unter den Ausspruch der Mehrheit, aufopfernde Biederkeit im Privat - und öffentlichen Leben, Pflichttreue und Gesetzesachtung, Enthaltsamkeit und Arbeitsamkeit, Hingebung des eigenen materiellen Vorteils für die hehren idealen Interessen des Gesamtwohls, Redlichkeit und Wahrhaftigkeit gegen Freund und Feind, so viel an ihnen war, verleugneten und verdarben und dafür Aufwiegelungssucht gegen den Souveränen Willen der Nation und ihrer Vertreter, treulose Jesuitenmoral, Nichtsthuerei, Habsucht in die empfänglichen Gemüter des Volkes zu pflanzen suchten."


Politik in der Sackgasse

Im Frankfurter Paulskirchenparlament gerät zur gleichen Zeit die konstituell-demokratische Mehrheit mit ihrer Politik in eine Sackgasse. Infolge ihrer Unentschlossenheit und Widersprüchlichkeit erholen sich die geschwächten Dynastien und verhindern wirksame Reformen. Die Paulskirche gerät in den Ruf einer ohnmächtigen und überflüssigen "Schwatzbude". Der Gedanke an eine neue, "zweite Revolution" gewinnt an Boden. Radikale Parolen finden bei den Bürgern keinen, bei den unterprivilegierten Schichten jedoch einen gewissen Rückhalt. Die Politiker der republikanischen Bewegung wie Amand Goegg hingegen sind zwar radikale, jedoch abwägende Realpolitiker. Sie setzen auf die Mobilisierung der öffentlichen Meinung, und dazu bietet der bevorstehende Prozeß gegen Gustav Struve in Freiburg eine günstige Gelegenheit.

 

Prozess gegen Gustav Struve

Anfang März 1849 wird die Anklageschrift gegen Gustav Struve und Karl Blind bekannt. Im ganzen Land sind immer noch Tausende von Aufständischen wegen "Hochverraths" eingesperrt. Struve, Blind und Joseph Fickler sind die bekanntesten. Der Prozeß gegen Struve und Blind ist der erste öffewentliche Schwurgerichtsprozeß in Baden.

 

Er beginnt am 20. März 1848 im Saal des "Basler Hofes", des früheren Regierungssitzes Vorderösterreichs. Karl von Rotteck und der Freiburger Volksverein haben dafür gesorgt, daß die wenigen Zuschauerplätze im Gerichtssaal vorwiegend mit Demokraten besetzt sind. Das Publikum hält trotz der Mahnung von Richter Litschgi mit Mißfallens - und Beifallsbekundungen nicht hinter dem Berg und die Sympathien sind eindeutig auf der Seite von Struve und Blind, die von Lorenz Brentano verteidigt werden. Die Angeklagten nutzen die Tribüne des Gerichts für ihre politischen Auffassungen und sie verteidigen das Recht des Volkes zur Revolution. Der Prozeß endet mit einem moralischen Sieg für die Angeklagten, obwohl sie zu je acht Jahren Zuchthaus verurteilt werden. Struve und Blind werden zur Haftverbüßung nach Rastatt gebracht. Weitere anstehende Verfahren gegen Amalie Struve, Wilhlem Liebknecht und Karl von Rotteck werden niedergeschlagen.


Agitation in der Armee

Der Landesausschuß der Volksvereine konzentriert seine Agitation mittlerweile gezielt auf die unzufriedenen Soldaten der Großherzogliche Armee. Besonders populär ist die Forderung, die Mannschaften sollten ihre Unteroffiziere und Offiziere selbst wählen. Die Republikaner wollen für die kommende Erhebung unbedingt vermeiden, daß es wie 1848 erneut zu einer militärischen Auseinandersetzung zwischen Soldaten und Freischärlern kommt. Die deutsche Nationalversammlung verabschiedet im März eine Reichsverfassung, die als Staatsform eine konstitutionelle Monarchie mit einem deutschen Kaiser an der Spitze vorsieht. Am 28. März 1849 beschließt das Parlament die "kleindeutsche Lösung", also ein deutsches Reich ohne Österreich. Das Parlament bietet dem preußischen König Wilhelm IV. die Kaiserkrone an. Dieser lehnt "das Hundehalsband" brüsk ab und teilt mit, daß Kronen nur von ihm und seinesgleichen, nicht jedoch von Parlamentariern verliehen würden. Die wichtigsten deutschen Königreiche und Fürstentümer weigern sich, die Reichsverfassung zu übernehmen, nur 28 kleinere und mittlere Staaten sind dazu bereit. Der badische Großherzog Leopold akzeptiert die Reichsverfassung am 11. April, allerdings mit dem Vorbehalt, daß auch alle anderen deutschen Staaten zustimmen müßten.


Hoffnung dahin

Die Hoffnung auf ein halbwegs demokratisch verfaßtes Gesamtdeutschland ist dahin, doch keiner will das Scheitern akzeptieren. Die Konstitutionellen hoffen weiterhin auf ein Einlenken der Monarchen und setzen auf Diplomatie. Die Republikaner wollen die Verfassung notfalls mit Waffengewalt durchsetzen. Nach hektischen Beratungen zwischen Frankfurt und Mannheim, an denen die linken Parlamentarier der Paulskirche, die Vereinigung der "März -Vereinigung" und auch Amand Goegg für die Badischen Volksvereine teilnehmen, wird eine Volksversammlung für den 12. /13. Mai in Offenburg einberufen. " Der Kampf zwischen den Fürsten und den Völkern ist aufs neue eröffnet," heißt es in einem Flugblatt des Landesausschusses der Badischen Volksvereine, des im Mai im ganzen Land verteilt wird. Amand Goegg hat vor, in Offenburg die Republik auszurufen. In Sachsen und im preußischen Rheinland brechen bewaffnete Aufstände aus, die von Preußen aber rasch niedergeschlagen werden. Die Pfalz und Baden stehen Anfang Mai in dem letzen Versuch, doch noch die Republik einzuführen, alleine da. Aus ganz Europa eilen Revolutionäre aller Schattierungen zur Unterstützung des heraufziehenden Entscheidungskampfes heran.


Volksversammlung in Offenburg

Am 12. Mai beginnt die Offenburger Volksversammlung mit einer Vorbesprechung im Landesausschuß der Volksvereine. Zur Proklamation der Republik kommt es unter dem Einfluß von Brentanos Anhängern nicht. Brentano selbst ist nicht anwesend, er kuriert in Baden-Baden eine Unpäßlichkeit aus. Amand Goegg setzt sich jedoch bei der Formulierung der Resolution durch, die mit dem Satz beginnt: " Die Landes -Volksversammlung in Offenburg erklärt: Deutschland befindet sich fortwährend im Zustande voller Revolution, aufs Neue hervorgerufen durch die Angriffe der größeren deutschen Fürsten auf die, von der deutschen Nationalversammlung endgültig beschlossene Reichsverfassung und die Freiheit überhaupt." Es fordert " alle deutschen Stämme" auf, "sich gegenseitig die Freiheit zu gewährleisten" und den Aufständischen in der Pfalz mit allen Mitteln zur Seite zu stehen. Die badische Regierung sei sofort zu entlassen und Brentano müsse ein neues Kabinett bilden. Eine Delegation unter Führung von Karl von Rotteck soll in Karlsruhe die friedliche Übergabe der Regierungsgewalt an den Landesausschuß erwirken. Ministerpräsident Bekk lehnt das Ansinnen jedoch ab und Rotteck kehrt mit dieser Antwort nach Offenburg zurück. Der Landesausschuß beschließt daraufhin nach Rastatt zu ziehen.


Der Großherzog flieht

Angesichts der Meuterei des Militärs auch in Karlsruhe flieht der Großherzog in der Nacht des 13. April in die Bundesfestung Germersheim, dann weiter ins Elsaß. Von dort ruft er preußische Interventionsgruppen zur Niederschlagung des Aufstandes nach Baden. Der Landesausschuß der Volksvereine zieht am 14. April in Karlsruhe ein und ihr Vorsitzender Lorenz Brentano wird Chef eines Exekutivorgangs, Amand Goegg wird Brentanos Stellvertreter. Der Landesausschuß der Volksvereine wählt einen vollziehenden Ausschuß, dem auch Karl von Rotteck angehört. Die alles überragende Leitfigur der Badischen Revolution, Friedrich Hecker, soll aus seinem amerikanischen Exil zurückgerufen werden.

 

Unruhen

Bild1: Die Unruhen in Baden 1848, Kampf um Freiburg, Barrikade vor dem Predigertor, 24.April 1848

 

In Freiburg wird Rechtsanwalt Karl Friedrich Heunisch vom Landesausschuß zum Zivil - und Millitärkommisar des Oberrheinkreises ernannt, Rechtsanwalt Ernst Buch zu seinem Stellvertreter. Karl Rotteck wird provisorischer Direktor des Kreises. Bügermeister Joseph von Rotteck flieht und erklärt seinen Rücktritt. Vorläufiger Nachfolger wird Alexander von Buisson. Der Freiburger Gemeinderat erklärt am 14. Mai, " daß auch er die gesamte Bürgerschaft verpflichtet haltet, gegen jeden Angriff auf die deutsche Reichsverfassung einzustehen." Der Kommandeur der in Freiburg stationierten Bundestruppen, General Miller, zieht mit seinem Stab aus der Karlskaserne nach Burg im Dreisamtal ab. Kommissär Heunisch ruft am 17. Mai des erste Aufgebot der Bürgerwehr auf abends sechs Uhr in die städtische Kornhalle.


Freiburg wird Durchgangsstation

Freiburg wird nun Durchgangsstation für Bürgerwehren, Militäreinheiten und aus der Schweiz anreisende Freischärler. Der Rümminger Student Friedrich Neff ist von Paris nach Baden zurückgekehrt und stellte sich der revolutionären Gewalt zur Verfügung. Von Efringen aus, ruft er die deutschen Flüchtlinge im Elsaß und der Schweiz zum Zweck der Bildung eines bewaffneten Korps nach Baden und spediert sie weiter nach Freiburg und Karlsruhe. 400 Mann der tausendköpfigen Freiburger Bürgerwehr rücken im Juni nach Rastatt ab. Die Unterstützung des Badischen Aufstandes durch parallele Aktionen in Hessen und Württemberg bleibt aus. Die Hoffnung, daß auch die hessischen Soldaten, die Fronten wechseln, zerschlägt sich. Anfang Juni marschieren im Rhein -Main -Gebiet die preußischen Interventionstruppen in einer Stärke von 60 000 Mann auf. Die badische Revolutionsarmee, die jetzt unter dem Kommando des französisch -polnischen Generals Luis Mierolawski steht, kann die Invasion nicht verhindern. Am Neckar und an der Murg verlieren 30 000 Mann Badischer Truppen die entscheidenden Gefechte gegen das mit 60 000 bestausgerüsteten Soldaten stark überlegene preußische Invasionsheer, das unter dem Kommando des Kronprinzen Wilhelm steht. Der "Kartätschenprinz", wie er im Volksmund genannt wird, zieht am 25. Juni mit seinen Truppen kampflos in der Residenzstadt Karlsruhe ein.


Rückzug nach Freiburg

Die provisorische Revolutionsregierung hat sich wenige Stunden zuvor nach Freiburg zurückgezogen. General Mieroslawski legt am 1. Juli in Offenburg angesichts der in heilloser Auflösung begriffenen Armee den Oberbefehl nieder und reist nach Frankreich ab. Oberst Franz Sigel übernimmt das Kommando. Gemeinsam mit Amand Goegg glaubt er, zwischen Schwarzwald und Kaiserstuhl eine neue Widerstandslinie aufbauen zu können. Doch die Moral der Truppe und die heranrückende Übermacht der Preußen machen diesen Überlegungen ein schnelles Ende. Am 28. Juni tagt die verfassunggebende Versammlung im "Basler Hof" in Freiburg. Auf Antrag des Abgeordneten Struve beschließt das Gremium: "Der Krieg gegen die Feinde der deutschen Einheit und Freiheit wird mit allen zu Gebote stehenden Mitteln fortgesetzt...""Dieser Beschluß ist direkt gegen den verhandlungsbereiten Regierungschef Brentano gerichtet, der nach diesem Beschluß sein Amt niederlegt und in die Schweiz flieht. Amand Goegg bildet gemeinsam mit Kriegsminister Werner die "provisorische Regierung von Baden mit diktatorischer Gewalt". Der Emmendinger Fabrikant Karl Christian Kiefer lehnt das Angebot, an Brentanos Stelle ebenfalls "Diktator" zu werden, dankend ab. Die in Freiburg angekommene Revolutionsarmee beginnt sich aufzulösen. Am 2. Juli muß sich Amand Goegg persönlich zu Pferd zwischen seine eigenen Soldaten begeben, die sich auf dem Münsterplatz mit konservativen Bürgerwehrmännern unter dem Ruf "Es lebe der Großherzog " verbrüdern. Für den nächsten Morgen ruft er seine Truppen auf den Karlsplatz zur Inspektion. Angesichts der desolaten Situation resigniert auch Goegg: " Sich in Freiburg zu halten und es noch einmal wie vor der Murg mit dem in großen Massen anrückende Feinde in einer offenen Feldschlacht aufzunehmen, daran konnte nicht gedacht werden."


Abzug Richtung Bodensee

Statt dessen ziehen die geschlagenen Truppen in der Nacht vom 4. Auf den 5. Juli aus Freiburg durch das Höllental Richtung Bodensee ab. Am 11. und 12. Juli überqueren Kommandeur Sigel bei Baltersweil ( heute Gemeinde Dettighofen ) und Amand Goegg bei Konstanz die Grenze zur Schweiz und bitten für sich und die Truppen um Asyl. Am 23. Juli kapituliert die noch gehaltene Festung von Rastatt. Die 6000 Mann starke Besatzung muß sich " auf Gnade und Ungnade" den Preußen unterwerfen. Der preußische Armeegeneral von Hirschfeld besetzt mit einer Vorhut von 8000 Mann am 7. Juli kampflos Freiburg.


Die gesamte Stadtspitze ist zuvor geflohen. Carl Mez übernimmt provisorisch die Amtsgeschäfte. Mit den preußischen Truppen erscheinen auch wieder Stadtdirektor Mariano von Uria-Saraga und der frühere Bürgermeister Joseph von Rotteck. Prinz Wilhelm von Preußen verhängt den Kriegszustand über ganz Baden.

 

Kriegsrecht in Baden

Das Kriegsrecht dringt in alle Bereiche des Lebens ein. Der Leiter der Königlich - preußische Kommandantur, Major von Wangenheim, verbietet am 12. Juli die fortschrittliche " Oberrheinische Zeitung" und fordert am Tag darauf die Bürger zur Denunziation gegen "politische Proselytenmacher und sogenannte Volksbeglücker von Profession" auf. Am 14. Juli droht der Major den Wirten, die nicht gegen aufrührerische Reden in ihren Gaststuben vorgehen, die Schließung ihrer Häuser an. Das Abonnement einer fortschrittlichen Zeitung, eine monarchiefeindliche Äußerung im Wirtshaus oder die Übernahme eines Ehrenamtes in der Gemeinde während der wenigen Wochen revolutionärer Regierungsgewalt kann eine scharfe Bestrafung nach sich ziehen. Schuldnern wird per Zeitungsanzeige unter Androhung von drakonischen Strafen untersagt, den steckbrieflich gesuchten Gläubigern - so zum Beispiel Karl von Rotteck - Geld zurückzuzahlen. Die Zeitungen sind voll von Steckbriefen, die als besondere Kennzeichen häufig einen "scharfen Blick" oder das Tragen eines "Heckerbartes" hervorheben.


Die Standgerichte

Mitte Juli nehmen die Standgericht genannten badisch - preußischen Millitärtribunale ihre blutige Arbeit auf. In Freiburg werden drei Todesurteile vollstreckt: Max Dortu, Friedrich Neff und Gebhard Kromer werden auf dem Wiehre - Friedhof standrechtlich erschossen. Viele andere Revolutionäre und Sympathisanten werden in die Kasematten von Rastatt, Bruchsal und Freiburg eingesperrt. Manche "Begnadigung" eines zum Tode verurteilten wird so zu einer Tortur, an deren Ende physisch gebrochene Menschen stehen. Insgesamt verhandeln die Standgerichte bis zum 27. Oktober 1849 in Freiburg, Mannheim und Rastatt gegen 238 Personen. 28 Todesurteile werden vollstreckt, in vier Fällen werden die Verurteilten zu Haftstrafen "begnadigt". Weitere 1000 Bürger werden von zivilen Gerichten verurteilt. Am 18. August kehrt Großherzog Leopolds nach Karlsruhe zurück, empfangen von einer demütig huldigen Bürgerschaft. Auch aus Freiburg reist eine Delegation unter Führung von Bürgermeister Joseph von Rotteck in die Residenz, um den Großherzog zu feiern.


Revolution geschlossen

Die Revolution, die in diesem Jahr zu Recht so genannt werden durfte, ist damit endgültig "geschlossen". Die liberale Regierung Bekk muß einem Kabinett weichen, das von Friedrich Adolph Klüber geführt wird. Der neue starke Mann der Badischen Politik stand lange im Dienste des Königreich Preußens und er übernimmt nicht nur das Staats - sondern auch das Außenministerium. Er wird der Garant für den starken Ausbau der Beziehungen zwischen Baden und Preußen in den kommenden Jahren. Die badische Armee wird völlig neu aufgebaut - und in preußischen Garnisonen und unter preußischem Exerzierreglement.

 

Die Niederwerfung des Badischen Aufstandes markiert zugleich das Ende der revolutionären bürgerlichen Freiheits - und Einheitsbestrebungen für lange Zeit und den Beginn der preußischen Hegemonie in Deutschland.

 


Quelle Freiburger Almanach 1999 Heinz Siebold und Ulrike Rödling


Überarbeitet: Dieter Waltsgott im März 1999